Nachhaltigkeit hat Grenzen

Nachhaltigkeit ist toll. Mit Begeisterung lese ich Bücher von Joshua Becker, Fumio Sasaki und anderen, wie wir unsere Umwelt entlasten können, in dem wir minimieren, auf die Produktionsstoffe und Herstellungsmethoden achten, uns informieren über die Firmenphilosophie, dass wir mieten statt kaufen und, und, und. Doch wir reden dabei von „unserer“ Welt. In einer Wirtschaft in der die Produkte immer billiger werden, und die Kaufkraft steigt, bleibt es nicht aus, dass die meisten Haushalte schlicht überfrachtet sind von Gegenständen, die kaum gebraucht werden, und wir in einem Überangebot an Waren ertrinken. Dass unter diesen Umständen vermehrt über Nachhaltigkeit nachgedacht wird ist richtig und verständlich.

Doch was passiert an dem anderen Ende der Welt. Sind sie auch von einem Überangebot an Waren betroffen? Nein, dort herrscht ein Mangel. Liegt es da nicht auf der Hand, dass wir uns hier zunächst um die Grundversorgung kümmern, und bei allem, was darüber hinausgeht, die Nachhaltigkeitsdiskussion anwenden?

Ein kleines Beispiel zum besseren Verständnis. Die Krankheit Schlaganfall gab es bis vor einiger Zeit nicht in Gambia. Nun, da immer mehr Personen davon betroffen sind, ist aber die Logistik, die diese Krankheit mit sich bringt noch lange nicht so weit. Bei einer ärmeren Familie würde es dann etwa so aussehen.

Ein Schlaganfallpatient liegt nun also bei den Angehörigen im Bett und wird von ihnen gepflegt. Die Gehälter von einem Dienstmädchen/Putzfrau/Köchin oder eines Wachmannes/Hausmeisters liegen etwa bei 30-40€ (Sofern die Frau überhaupt noch arbeiten gehen kann). Ein eigenständiger Toilettengang ist für den Patienten nicht mehr möglich, bleibt nur Windeln oder irgendeine andere Unterlage, um nicht mehrmals am Tag das gesamte Bett reinigen zu müssen. Wie sehr würde sich da eine Familie über Windeln freuen. Sie fragen dann nicht, wieviel Plastikgehalt die Windel hat, und ob sie nachhaltig ist. Für sie ist es eine enorme Erleichterung und ein Geschenk des Himmels.

Und nicht vergessen: Eine gambische Frau hat auch nicht ein paar Küchenmaschinen, die ihnen die Arbeit schneller von der Hand gehen lässt. Nein, sie muss das Feuer für das Kochen vorbereiten, sie muss oft vom nächsten öffentlichen Wasserhahn das Wasser in großen Wannen auf ihrem Kopf nach Hause tragen, täglich auf den Markt gehen, denn Vorratshaltung geht nicht ohne Kühlschrank und die gesamte Wäsche der Großfamilie mit der Hand waschen. Dass sie dann nicht noch unbedingt Stoffwindeln auswaschen möchte, liegt, denke ich, auf der Hand. Da freut man sich einfach über die Windeln und fragt nicht nach dem Plastikgehalt.

Übrigens: Eine Windelpackung kostet ebenso wie in Deutschland so auch in Gambia 20€ für ca 20 Stück. Wie kann sich das eine Familie mit weit unter 100€ Einkommen mehrfach im Monat leisten? Die Antwort: Gar nicht. Daher sind Geschenke dieser Art immer herzlich willkommen.

Ich hoffe, ich konnte mit diesem Hinweis, die Nachhaltigkeitsdiskussion für Gambia ein wenig in das rechte Licht rücken. Selbstverständlich ist es global gesehen immer richtig und auch wichtig, über diese Themen sich nicht nur Gedanken zu machen, sondern auch zu handeln. Aber bitte nicht auf Kosten der ärmsten Menschen der Erde.

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