Nähen statt Lampedusa – ein Zwischenbericht (mit Video)

oder Wie gehen wir mit Nachhaltigkeit um.

Nach all den schlechten Nachrichten, nun mal eine gute. Unsere kleine Nähschule nimmt richtig Fahrt auf. Am 1.5. war Halbzeit und die Jungs sind schon sehr fit. Sie können schon Hemden mit Kragen und Knopfleiste nähen und Hosen mit Bund, Bundfalten und Gürtelschlaufen. Bei eingehender Betrachtung muss das Nähwerk noch etwas sauberer verarbeitet werden, doch Übung macht ja bekanntlich Meister. Überzeugt euch selbst. Wenn ihr das Video seht, wird euer Herz aufgehen.

Und wenn sie dann erst Meister sind, und eine Familie mit ihrem Beruf ernähren können, dann haben sie und auch wir es offensichtlich geschafft.

Dieses Projekt ist sogenanntes Selbsthilfeprojekt. Die Initiierung solcher Projekte ist in unserer Satzung verankert, die wir vor 20 Jahren ohne wirkliche Ortskenntnisse geschrieben haben. Doch nun Jahre später verstehen wir besser, welche Art der Hilfe umsetzbar ist, und welche nicht.

Oft werde ich gefragt, warum teilt ihr so viel Lebensmittel aus, anstatt mehr Projekte mit Nachhaltigkeit anzubieten. Aus europäischer Sicht völlig verständlich, doch müssen wir ein Blick in die Vergangenheit wagen, um zu verstehen, dass in Afrika die Uhren anders ticken.

Schauen wir mal in die Geschichte, um das Wirken der Gambianer besser zu verstehen. Ohne die Geschichte ganz Afrikas vor euch auszubreiten, nur so viel: Gambia unterlag etwa 1650-1850 dem Sklavenhandel und vom 1783-1965 dem Kolonialismus. Dort wo sie Master und Kolonialherren hatten, hatten wir die Französische Revolution. Ich denke an diesem Beispiel wird deutlich, dass das selbständige Lernen, die Kreativität und vor allem das Übernehmen von Verantwortung derzeit noch nicht im vollen Umfang zu erwarten ist. Auch der letzte Präsident, der bei einer guten Idee gerne gleich die ganze Firma konfisziert hat, trug nicht wirklich zu einer Steigerung der Kreativität bei.

So braucht es voraussichtlich noch Jahrzehnte bis eine Umstrukturierung im Denken erkennbar wird. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sie auch nicht sehr bereitwillig Veränderungen in ihrem Leben zulassen. So können auch wir in unserem Bereich, wie zum Beispiel Büroarbeit etc, nur in winzigen Schritten Änderungen herbeiführen.

Sprechen wir nun von unserer Zielgruppe. Gesunde junge Frauen und Männer, die arbeiten können, sind es eher weniger. Denn sie wollen oft nicht arbeiten. Natürlich gibt immer auch gute Beispiele, aber ich spreche hier von einer Tendenz. Die fremdbestimmte Vergangenheit und auch die NGOs (Hilfsorganisationen) und die in meinen Augen nicht immer durchdachte EU-Hilfe fördern die Unselbständigkeit und die Mentalität bei jedem Problem die Hand aufzuhalten, anstatt es konstruktiv anzugehen. Ich könnte mittlerweile ein Buch über die vielen Email-Anfragen von Touristen schreiben, die mit den Wünschen ihrer „Bekannten“ aus dem letzten Gambiaurlaub völlig überfordert sind.

Ein gutes Beispiel für die Schwierigkeit junge Männer zum Arbeiten zu bewegen, ist wieder die Nähschule. Unsere Zielgruppe hier waren die 20-30-Jährigen, denn sie sind es, die auf die Chance warten, nach Europa auszuwandern. Sie waren nicht bereit bei uns einen Beruf zu erlernen. Wir haben vieles versucht. Wir haben mit dem Bürgermeister gesprochen, mit den Leiterinnen der Frauengruppen, mit unserer NGO-Präsidentin (sie vertritt unsere Bedürftigen, in der Weitergabe von Informationen und mit unseren Witwen, deren Söhne wir bei uns unterstützen wollten. Doch leider Fehlanzeige. Sie wollten alle nicht. Schließlich fanden wir einige 15-20 Jährige, von denen ein paar noch zu Schule gehen, die am Nähen sehr viel Spaß haben. So bleibt zu hoffen, das diese Jungs durch ihre Ausbildung eine Perspektive in Gambia sehen und bleiben.

Unsere eigentliche Zielgruppe sind die Waisen, Witwen und Kranken, die sich nicht selbst versorgen können. Auch hier gibt es Bestrebungen für Selbsthilfeprogramme. So haben wir zehn alleinstehenden Frauen einen Microkredit als Startup gegeben. Einige wollten Eintopf am Straßenrand verkaufen, andere wollten Stoffe färben, andere kleine Geschäfte machen. Wir gaben ihnen ein Jahr Zeit das Geld wieder zurückzuzahlen. Das Ergebnis war: Zwei haben komplett zurückgezahlt, eine Frau hat 3/4 des Betrages gezahlt und der Rest so gut wie gar nichts. Wo die Not so groß ist, werden eben auch Kreditraten „aufgegessen“. Am Ende standen sie wieder mit leeren Händen da.

Da heißt es tief durchatmen und von vorne beginnen.

Interessant vielleicht auch der folgende Artikel dazu: Armut! Schicksal oder Absicht?!

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