Kümmern wir uns?

Vielleicht klingt dieser Titel etwas seltsam. Aber hier in Gambia verrutschen unsere  Sichtweisen auf bestimmte Dinge mitunter.

Stellt euch folgende Situation vor: Du hast gerade dein letztes Examen im Abitur geschrieben, möchtest erst einmal durchatmen und zur Ruhe kommen nach all dem vielen Lernen und dich neu ordnen. Nun stellst du fest, dass es auf Grund unendlich vieler Bestimmungen und Regeln nicht so einfach ist deinen Traumberuf zu erlernen. Du beschäftigst dich also wochenlang damit, irgendwie an deiner Zukunft zu arbeiten. Was geht mit welchem Zeugnis und warum, besser warum nicht, du recherchierst bis der Computer qualmt, läufst Wege bis zur Erschöpfung, um vielleicht doch noch den einen wichtigen Stempel oder diese oder jede Beglaubigung zu bekommen.

Dann gehst du zurück in die Schule, um die Lehrer zu besuchen, oder vielleicht so gar etwas auszuhelfen und stößt auf von der anderen Seite sehr verständliche Fragen wie „Was hast du denn jetzt vor?, Bist du schon an der Uni?, Welches Fach willst du denn studieren? etc.“. Bis dahin noch alles verständlich. Wenn du dann aber als Science-Schülerin sagst, dass du Englisch studieren möchtest, dann geht es los.

„Das geht doch nicht, du musst bei Science bleiben. Ich werde mal mit deinem Vater telefonieren, damit du nach Ghana gehst und dort Ingenieurwesen studierst.“ „Du verschwendest dein Talent, wenn du nicht Science studierst“. „Warum studierst du nicht Chemie?“ Diese Fragen, wenn du gerade selbst entdeckt hast, dass dein Herz bei den Geisteswissenschaften liegt und nicht bei den Naturwissenschaften. Die ersten Gedanken, die uns da beschlichen waren: ‚Was geht ihn denn das an? oder wie die Engländer sagen, Mind you own business.‘ Typisch deutsch eben.

Und nach den guten Ratschlägen kommt dann das Handeln. Der Chemielehrer ergriff sofort die Initiative und nahm sie mit in die 1,5-Stunden entfernte Universität, um ihnen bei den Anmeldeformalitäten ihrer Wahlfächer zu helfen. Das beeindruckte uns dann doch sehr, immerhin hat er sich für die ganze Aktion inklusive Weg fünf Stunden Zeit genommen. Bei der anschließenden Suche nach Stipendien (die gambische Universität ist teuer) trafen wir sogar auf eine Sekretärin, die uns persönlich anrief, um uns über die Deadline für den Antrag zu informieren. Einmal traf ich die nette Dame auf der Strasse in der Hauptstadt. Da wir uns ja nun anders entschieden hatten, war sie ganz besorgt und fragte sogar, warum wir denn nicht gekommen seien.

Ich habe verstanden, dass hier echtes Mitgefühl gezeigt wurde. Auch wenn es organisatorisch nicht immer so perfekt an gambischen Schulen zugeht, aber Mitgefühl haben sie alle.

Im Vergleich dazu, was uns in Deutschland wiederfahren ist. Da Deutschland für das Studium nun doch die erste Wahl war, brauchten wir Informationen administrativer Art. Die Studienberatungen vor Ort waren mit der Situation deutsche Staatsbürger, die in Afrika ihr Abitur gemacht haben, völlig überfordert, da sie in keine Schublade passten. Der dritte Studienberater gab sich dann immerhin Mühe, die Situation zu verstehen, setzte sich mit meiner Tochter ans Internet (das hätte sie auch alleine gekonnt) und schlug auch eine Lösung vor, die sich dann aber nach diversen weiteren Internetrecherchen als nicht durchführbar erwies. Wir hatten gedacht, dass er als Spezialist für internationale Studenten mehr Ideen hätte.

Wieder zurück in Gambia und gefühlte 100 Recherchestunden später, begannen sie dann emails nach Deutschland zu schreiben, um nach bestimmten Modalitäten zu fragen. Gut 30 emails haben sie an verschiedene Institutionen geschrieben, um ihre Fragen beantwortet zu bekommen. Nur ein Drittel der Anfragen wurden überhaupt beantwortet und diese so wenig aussagekräftig, dass es schon weh tat. Wurde danach gefragt, ob ein Deutschzertifikat benötigt wird, antworteten sie, dass sie ihr Zeugnis anerkennen lassen müssen. Haben sie erklärt, dass sie gerade im Ausland sind und daher eine Antwort per email benötigen, wurde ihnen vorgeschlagen in die Sprechstunde zu kommen. Mit empathy oder Mitgefühl hat das alles nichts mehr zu tun. Wir haben es jetzt aufgegeben, Anfragen per email zu schreiben, obwohl auf jeder Homepage steht, dass Anfragen bitte per email zu stellen sind. Selbst wenn wir versucht haben, in den Büros anzurufen, bekamen wir gesagt, wir sollen bitte auf der Internetseite nachschauen. Wenn die wüssten, was wir hier den ganzen Tag tun.

Was ich mit diesem Artikel ausdrücken möchte, ist nicht Kritik, sondern was wir gelernt haben. Bei uns kam spontan die Frage auf: Kümmern wir uns? Wie würden wir reagieren? Würden wir es besser machen? Hören wir überhaupt zu? Wir geloben Besserung, schon alleine, dass wir uns bewußt gemacht haben, dass die Liebe zu den Menschen nur mit Mitgefühl einhergeht.

 

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Ein Gedanke zu „Kümmern wir uns?“

  1. Hallo Suraya,
    Danke für euren Einsatz für die Menschen die bedürftig sind.
    Ich bin davon Überzeugt dass ihr die Sachen gut im Griff haben. Das ist zu schade für Menschen welcher die in dieser Zeit noch mit leeren Magen abends ins Bett gehen und morgens aufstehen um ein Stück Brot zu verdienen ohne anderen Ansprüche!!
    Macht so weiter!
    Wie gehts den der maryama und ihre Familie? Hat sie Erfolg Inder Schule?
    Selamlar.
    Zekai

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